23.10.2014
Manchmal muss man einfach aus dem Alltag ausbrechen, sich ein Auto mieten und eine der schönsten Küstenlinien der Welt entlang fahren. Anders als in der heimatlichen Alpenrepublik sind diese nicht unbedingt allzu viele Flugstunden entfernt, den westlich von Melbourne erstreckt sich die malerische Great Ocean Road über mehrere hundert Kilometer (zweihundertdreiundvierzig um genau zu sein) von Torquay bis hin zu Allansford. Entlang dieser Route gibt es viele feine Sachen, Strände bis zum Abwinken, Koalas, einen Tree-Top Walk für die ganz Mutigen, Wasserfälle und einen Haufen großer Steine die von irgendwem einmal „Die Zwölf Apostel“ genannt wurden. Die Ähnlichkeit zu irgendwelchen Heiligen ist eher mäßig und es sind nicht einmal zwölf, aber damit behält die Referenz auf die heilige Schrift wenigstens den Wahrheitsgehalt des Originals.

Die meisten Einheimischen fahren Autos mit Automatikgetriebe, aber Mietwagen mit Handschaltung sind billiger und als gelernter europäischer Fahrer freute ich mich über die problemlose Art, Geld zu sparen, welches gewinnbringender in Burger und Subway-Sandwiches investiert werden kann. Dem war leider doch nicht ganz so, denn die Australier fahren ja bekanntlich auf der falschen Seite der Straße. Was ich nicht bedacht hatte: Der Fahrersitz und vor allem der Schaltknüppel sind dementsprechend auch an seltsamen Positionen. Nicht nur einmal habe ich meine Hand mit voller Wucht gegen die Autotür gehämmert, weil ich schnell hinunterschalten wollte (der ausgeborgte Hyunday i20 erwies sich nicht gerade als ultimativer Feuerstuhl und wollte eifrige Schaltarbeit um mit halbwegs akzeptabler Geschwindigkeit durch die Kurven zu wetzen). Ich möchte gar nicht anfangen, mich über die vertauschten Hebel von Scheibenwischer und Blinker aufzuregen.

Wenn man in Österreich eine kurvige, eher anspruchsvolle Strecke in den Alpen mit Problemstellen und Fahrbahnunebenheiten durchfährt, wird man durch einzelne Schilder vor den größten Unregelmäßigkeiten gewarnt. Der Rest wird doch irgendwie der Einschätzung des Fahrers überlassen. In Australien funktioniert das komplett anders: Vor jeder Kurve wird per Schild auf 5er-Schritte genau die vorgeschriebene Geschwindigkeit vorgegeben, jede kleine Mulde wird mit einem Gefahrenzeichen angekündigt und alle par Kilometer wird man von einem netten Schild daran erinnert, dass es ein Zeichen von Müdigkeit ist wenn einem die Augen zufallen. Das könnte daran liegen, dass die australische Fahrerausbildung deutlich unter unserem Niveau liegt, aber ich vermute eher dass diese Schilder für amerikanischen Touristen aufgestellt wurden die sich ja bekanntlich mit den Italienern und den Burgenländern den Platz für die schlechtesten Autofahrer der Welt teilen.

Obwohl es natürlich einzelne Highlights gibt, ist bei der Great Ocean Road die Reise das Ereignis an sich. Viele Kilometer verbringt man einfach im Auto und genießt die vorbeiziehende Küstenlinie. Wenn einem das zu langweilig wird, bleibt man an einem der zehntausend „Lookouts“ stehen und genießt eben eine stationäre Küstenlinie. Wem das auch nicht reicht, dem stehen Wanderpfade zur Verfügung, die regelmäßig zu irgendwelchen Wasserfällen führen. Für die ganz Hartnäckigen gibt es dann noch vereinzelte Leuchttürme , die es auch noch zu besichtigen gilt.

Die Rezeptionistin des YHA Apollo Bay, dem Ende der ersten Etappe, empfiehlt Cape Otway zu erkunden und malt wilde Punkte auf die Karte, um die besten Koala-Plätze zu markieren. Dort sind freilich weit und breit keine Tiere zu sehen, aber auf den staubigen Straßen die dorthin führen trifft man doch auf einige der Beutelsäuger, leicht zu erkennen an der Menge von fotografierenden Asiaten unter ihren Bäumen.

Abenteuerlicher wird es am Treetop-Walk wo man von Metallstreben getragen bis in die Baumwipfel spazieren kann (australische Baumwipfel sind durchwegs höher als österreichische Baumwipfel). Wer ganz mutig ist, fürchtet sich auf einem Cantilever in 40m Höhe zu Tode, wer nicht ganz so mutig ist, schaut aus sicherer Entfernung zu, wie sich alle Anderen fürchten.

Das Aushängeschild der Great Ocean Road ist natürlich die Steinformation der zwölf Apostel. Das Gelände dort ist großzügig ausgestattet mit Holzwegen, man kann die großen Steine also aus allen möglichen Position betrachten. Wer das Glück hat, pünktlich für den Sonnenuntergang anzukommen, darf sich durch Heerscharen von Touristen kämpfen, bevor er die letzte Aussichtsplattform erreicht. Zwei Minuten nach Sonnenuntergang ist der Spuk vorbei und die einzigen Menschen die man noch antreffen kann sind vereinzelte, verliebte Paare, die die Zeit vergessen haben. Es ist mir wirklich ein Rätsel, wohin diese Massen an Menschen so schnell verschwinden.

Es ist oft eine gute Idee, seine Übernachtungsmöglichkeit im Vorhinein zu buchen. Es ist eine furchtbar schlechte Idee, die Übernachtungsmöglichkeit (im Vorhinein) in Port Fairy zu buchen, wenn man den Sonnenuntergang bei den zwölf Apostel miterleben will. Das bedeutet nämlich eine eineinhalbstündige Fahrt in der Dunkelheit, in der man von der Great Ocean Road natürlich nichts mehr mitbekommt, nur um zu einem Hostel zu kommen wo man gerade einmal 6 Stunden schläft um dann erst recht die ganze unnötige Strecke wieder zurückzufahren um schlussendlich auf dem Prince Highway zurück nach Melbourne zu gelangen. Man lerne: Planung ist böse, aber die Great Ocean Road grundsätzlich empfehlenswert.

